Zur Geschichte des Gen-Archivs

Zu Beginn der 80er Jahre gab es im Ruhrgebiet und sicher auch anderswo eine Diskussion über sozialkontrollierende Techniken, über computerisierte Personenerfassung und -kontrolle, über Verhaltenskonditionierung, über Hirnchirurgie, Menschen einzuordnen und zu verändern. Es gab eine Auseinandersetzung über die Folgen der sich breit machenden neuen Technologien und die Vorstellung, sich diesen Methoden – auch dem Bildschirm, dem Computer, der Erziehung, der Diagnostik – durch Verweigerung zu entziehen.

Aus dieser Gruppe formulierte sich vorsichtig die Behauptung, dass Gentechnologie möglicherweise eine zukunftsweisende neue Technologie werden könnte, die ähnlich der Atomtechnologie die Gesellschaft und die Linke vor völlig neue Fragen stellen würde. Es gab Unsicherheit, eine Scheu, naturwissenschaftlich ‚Wahres’ zu hinterfragen, und doch schienen die gesellschaftlichen Konsequenzen derart absehbar, dass vor allem die Frauen dieses Diskussionszusammenhanges beschlossen, sich in das Thema einzuarbeiten, es zu begreifen und entsprechende Veröffentlichungen zu verfolgen. So begann mehr oder weniger die Geschichte des Gen-Archivs.

Der AK Frauenpolitik der Grünen im Bundestag und der Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen in Köln organisierten den ersten Kongress von und für Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologie vom 19.-21.04.1985 in Bonn, auf dem wir uns zum ersten Mal mit einem Reader öffentlich vorstellten. Darin waren – höchst klassisch für ein Archiv – die Verflechtungen zwischen Industrie und öffentlich finanzierter Universitätsforschung aufgezeigt. Lasst den Staub der Archive zu Pulverstaub werden war das Motto 1985.

Unsere Arbeit – zunächst nur wenige Aktenordner umfassend – vermehrte sich nach dem Kongress und mit der wachsenden Diskussion unter Frauen zusehends. 1987 zogen wir aus dem Raum eines Jugendzentrums in eigene öffentlich zugängliche Räume um. Die Aktion des BKA 1987 gegen u.a. das Gen-Archiv und seine ‚anschlagsrelevante’ Arbeit zwang uns in eine noch breitere Öffentlichkeit. Das Konzept der Kriminalisierung ging nicht auf. Das Interesse an Gentechnologien und der Kritik daran wuchs zu einem bundesweiten Netzwerk ‚Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologie’, das sich in den folgenden Jahren regelmäßig traf und austauschte. Diese Zusammenhänge sind heute bis auf individuelle Kontakte und wenige Arbeitszusammenhänge verschwunden.

Die anfänglichen Aktionen richteten sich – initiiert vor allem durch die politische Klarheit der Krüppelfrauen – u.a. gegen humangenetische Beratungsstellen, an denen die Traditionen der Eugenik des Nationalsozialismus, die Kontinuität der Personen und Gedanken, gut aufzuzeigen war. Gleichzeitig wurden aber auch Frauen Nutznießerinnen der humangenetischen Beratungsstellen. Dieser Konflikt zieht sich durch die gesamte Arbeit um Humangenetik: Auf der gesellschaftlichen Ebene ist die Kritik an Forschungen, Positionen und sozialen Auswirkungen durchaus erwünscht, auf der individuellen Ebene soll aber die Freiheit der einzelnen, den Versprechungen der Medizin Glauben schenken und an dem zuvor kritisierten Prozess mitzuwirken, respektiert werden. Erinnert sei hier an die lange und intensive Debatte um das zu gewinnende „Selbstbestimmungsrecht“, das im Rahmen der Auseinandersetzung um Reproduktionstechnologien neu überdacht werden musste. Heute haben sich längst auch viele Kritikerinnen in die Angebote der pränatalen Diagnostik integriert oder suchen bei Kinderwunsch Reproduktionsgynäkologen auf.

Die Zahl der Diplom- und Magisterarbeiten zu diesem Thema ist inzwischen zahlreich. Vielen Frauen hat das Archiv das Material geliefert. Die Darstellung der sozialen Auswirkungen dieser Medizin sind in ihren ganzen Verästellungen bekannt. Zunehmend dünner aber sind die Vorstellungen von einem anderen, einem nicht technisch kontrollierten Leben geworden.

Die noch junge Geschichte dieser Technologien und die alte Geschichte der Eugenik, der versuchten Menschenperfektion und -selektion ständig zu thematisieren, ist eines unserer ganz wichtigen Anliegen im Archiv.

Wenn heute behauptet wird, dass technisch alles machbar sei, wenn Naturwissenschaft nicht mehr hinterfragt werden muss und das Mögliche zur Verpflichtung wird, dann wird zwangsläufig ein Instrumentarium benötigt, das die Verpflichtung rechtfertigt und Kritikerinnen mundtot macht. Ethik nennt sich dieses neue Verfahren: Ethik die behauptet, wissenschaftlich zwischen richtig und falsch zu entscheiden, die behauptet, zwischen dem Für und dem berechtigten Wider abzuwägen; Ethik, die einen gesellschaftlichen Konsens erstellen und behaupten will und letztlich glatte Argumentationslinien für die Macher produziert. Ethik reguliert, was sich durchgesetzt hat. Ethikdebatten wurden erst notwendig, nachdem die Kritik an Boden verlor. Eine Widerstandsethik, die wir zu vertreten hätten, würde andere Fragen zu stellen haben.

Die Frage, die sich für unsere Arbeit immer stellte und stellt, ist: Halten wir an der grundsätzlichen Ablehnung fest oder nehmen wir teil an einem ‚Dialog’, der überhaupt erst auf der Grundlage der sich durchsetzenden Gentechnologie möglich und notwendig wurde. Riskieren wir Kriminalisierung und Marginalisierung oder suchen wir Anerkennung auch unserer kritischen Position durch Integration in den bestehenden Dialog.

Wir haben uns bislang immer für Ersteres entschieden, haben uns jedem ‚Dialog’ verweigert und uns für das Gespräch mit denjenigen entschieden, die unter den Auswirkungen dieser Entwicklung gleichermaßen leiden. Wir sehen, dass der sog. Öffentliche Dialog zwischen ‚unechten’ Kontrahenten geführt wird. Die Vorgaben werden von der Seite der Industrie und der Gesetzgeber gemacht. Vorgeführt wird die ‚Unhaltbarkeit’ der Kritik und die ‚Inkompetenz’ der Kritikerinnen.

Wir denken, dass wir uns die Zeit nehmen sollen, in der uns möglichen Langsamkeit über Fragen zu arbeiten, die uns wichtig erscheinen, ohne die Erwartung zu hegen, mit der Kritik die Einsicht der anderen zu provozieren. Wir denken, dass unsere Kritik – unsere andere Sicht – vielleicht in der Lage ist, die zu stärken, die versuchen, eine andere Organisation von Gemeinschaft zu leben, auch wenn sie klein und im Werden begriffen ist. Wir sind der Meinung, dass das genetische Modell von Leben und Entwicklung zum Scheitern führt, denn weder werden Probleme dadurch verständlich noch lassen sich Lösungen damit finden. So wird es immer nötig sein, eine andere Sicht wach und präsent zu halten. Eine tatsächliche Änderung scheint uns nicht aus Archiven zu kommen und auch nicht aufgrund von Einsichten in Argumente von Kritikerinnen, sondern nur aus gesellschaftlichen Bewegungen und gemeinschaftlichen Anstrengungen, das Modell der naturwissenschaftlichen Planung und Rechtfertigung unseres Lebens nicht mitzutragen.

[Mai 1996]